Wie und wozu üben wir mit einem Mantra im Yoga?
von Michaela Kleber
Was ein Mantra ist, habe ich an dieser Stelle bereits erklärt (Was ist und was bewirkt Mantrapraxis? - Februar 2024). Heute möchte ich einen Eindruck davon vermitteln, auf welche Weise wir ein Mantra in eine Folge von Yogaübungen integrieren und dadurch unsere Yogapraxis vertiefen können.
Häufig wird die Silbe OM am Anfang einer Yogastunde einmal oder dreimal gemeinsam getönt. Was passiert da?
Das Tönen als solches verlängert und vertieft auf natürliche Weise den Atem, ohne dass wir dafür eine yogische Atemübung erlernen müssen. Ebenso natürlich wird die Aufmerksamkeit durch den Klang und seine Resonanz im Körper nach innen gezogen. Das Tönen bietet uns also eine einfache Art, die Yogapraxis schon mit großer Konzentration und einem etwas längeren und tieferen Atem zu beginnen. Es ist eine gute Möglichkeit, den fünften Aspekt des achtfachen Yogapfades umzusetzen: Pratyahara oder der Rückzug der Sinne. Wir ziehen die Sinne (einschließlich der Gedanken) ab von den äußeren Objekten und richten sie auf das Wahrnehmen der feineren Körperempfindungen. Die Silbe OM hat dabei eine besondere Qualität: "O" ist ein offener Ton, der bei den meisten Menschen irgendwo zwischen Bauch- und Herzraum vibriert, sehr oft auch als eine Art Klangsäule in beiden Bereichen. Das gesummte "M" resoniert in Kehle und Kopf. Teilen wir den Ausatem auf zwischen O und M, so haben wir den Körper vom Bauch bis zum Kopf innerlich zum Schwingen gebracht und damit gleich zu Beginn des Übens mit dem Körperinneren Kontakt aufgenommen (anstatt die Yogapraxis allein als Training für die äußere Skelettmuskulatur zu betrachten). Der Einsatz der Stimme bringt Körper, Atem und Geist in eine innige Verbindung.
Für die beschriebene Wirkung ist es nicht nötig, die unterschiedlichen esoterischen Bedeutungen zu kennen oder zu verstehen, die der Silbe OM in den östlichen Weisheitslehren zugeschrieben und in unzähligen Schriften diskutiert werden. Sehr kurz gesagt gilt OM als der Urklang des Universums, der Klang der vor allen anderen Klängen existiert, eine erste Manifestation des form- und namenlosen Göttlichen und damit der Anfang der Schöpfung, die in jedem Augenblick geschieht. Anders ausgedrückt: OM bringt uns mit dem unendlich weiten Raum in Verbindung, in dem wir uns in der jetzigen Form manifestieren; es lässt uns ahnen, dass wir mehr sind als dieser Körper-Geist und Anteil haben an dem Großen.
Wer das nicht weiß oder damit nichts anfangen kann, wird trotzdem unweigerlich mit der Zeit den Klang des OM "aufladen" mit einer persönlichen "Bedeutung": Was auch immer die Yogastunden dir an körperlich-geistiger Erfahrung, Lebendigkeit, Freudigkeit, Entspannung, Sammlung und innerem Frieden bringen, verbindet sich durch das jedesmal wiederholte Tönen des OM mit diesem Klang und wird umgekehrt durch das Tönen des OM neu getriggert als ein ganzheitliches So-Sein (Sanskrit: Bhava) auf allen Ebenen von Körper und Geist.
Um ein Mantra zu tönen, muss man nicht gut singen können. Es geht dabei nicht um einen schönen oder musikalisch sauberen Klang. Ohnehin benutzen wir im Yoga alte vedische Mantren oder Kurzformen davon, die traditionell mit nur drei Tönen auskommen: ein Grundton und die beiden Nachbartöne nach oben und nach unten. OM als das kürzeste Mantra hat nur einen einzigen Ton. Ein vedisches Mantra wird nicht gesungen. Oft wird für die hörbare Mantrapraxis in Anlehnung an das englische Verb to chant neudeutsch vom Chanten gesprochen. Ich bevorzuge das gute alte Wort Tönen. Wir tönen das Mantra und nutzen die Wirkung des Klangs auf Körper, Atem und Geist, ohne der Stimme eine besondere Kunst abzuverlangen.
Weil das Tönen einfach ist, lässt es sich leicht mit Bewegungen verbinden. Das setzt natürlich voraus, dass wir ein Vinyasa (Bewegungsabfolge) üben, das uns muskulär nicht überfordert oder außer Atem bringt und das uns vertraut ist, so dass wir nicht über die Bewegungen nachdenken müssen. Wir werden also unser Mantra eher mit einfachen Vinyasas verbinden und dies nicht die ganze Stunde lang sondern immer wieder einmal, wenn es zu einer Übung passt.
Am liebsten verwende ich in der Bewegung das Mantra OM Namoh Namaha. Namoh und Namaha sind hier das gleiche Wort, das zur Bekräftigung wiederholt wird. Es bedeutet ein hingebungsvolles Sich-Verneigen vor dem Großen, ein Sich-Anvertrauen, ein tiefes Einverstandensein mit dem Leben an sich. Wir geben den Wunsch nach Kontrolle auf, und ein echtes Entspannen und Loslassen wird überhaupt erst möglich. In der Bewegung können wir ausatmend immer wieder dieses Loslassen erleben und das Mantra füttern mit dieser Erfahrung. Dieses Aufladen des Mantras mit dem Bhava des tiefen Loslassens wird durch die Verbindung mit Bewegung und Atem sehr unterstützt, denn Bewegung und Atem bringen das ganzheitliche So-Sein, das wir mit dem Mantra verknüpfen wollen, unmittelbar hervor.
Am Ende der Stunde sitzen wir still, hören innerlich das Mantra, spüren das damit verbundene Bhava und belassen den Geist in der Konzentration auf beide so gut wir können. Auch hier kann die Stimme ein Helfer sein: Wenn wir merken, dass die Konzentration auf den inneren Klang verloren gegangen ist und der Geist sich von aufsteigenden Gedanken oder einer Tendenz zum Tagträumen hat ablenken lassen, können wir das Mantra laut sprechen oder tönen und uns mit Hilfe der eigenen Stimme zentrieren, um dann allmählich wieder zum inneren Hören zurückzukehren.
Wenn wir auf diese Weise auf der Yogamatte ein Mantra immer wieder mit unserem ganz persönlichen Bhava aufladen, kann es im Alltag zu einer wertvollen Zuflucht und Stärkung werden. Immer wenn uns zum Beispiel lästige Gedankenschleifen nerven oder wenn Aufgeregtheit oder Ängstlichkeit überhand nehmen, füllt der Klang des Mantras, laut, leise oder unhörbar, Geist und Nervensystem mit dem daran geknüpften So-Sein und lässt uns wieder zu uns selbst nach Hause kommen.