Yoga

Michaela Kleber

Yogalehrerin

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Von der Matte ins Leben (2):
Das Prinzip des Ausgleichs

von Michaela Kleber

Yoga hat den Anspruch, Transformation zu bewirken: Unser ganzes Sein kann sich durch langjähriges Üben grundsätzlich verändern.

Das setzt voraus, dass wir die Zeit auf der Yogamatte nicht als Flucht aus dem Alltag sondern als Schule für den Alltag betrachten, dass wir unser Üben nutzen, um schrittweise einen bewussteren und heilsameren Umgang mit Körper und Geist zu erlernen und dass wir uns im Alltag immer wieder an diese Erfahrungen erinnern und sie anzuwenden versuchen.

Der vielleicht wichtigste Yogagelehrte und Yogalehrer des 20. Jahrhunderts Tirumalai Krishnamacharya legte großen Wert auf das Prinzip des Ausgleichs:

Vordergründig geht es dabei um geschickte Reihenfolgen beim Üben von Asanas: Schon nach wenigen Stunden der Teilnahme an einem Yogakurs machen wir die Erfahrung, dass es nach intensiven Rückbeugen wie zum Beispiel einer lange gehaltenen Schulterbrücke wohltuend und wichtig ist, den unteren Rücken zu entspannen, etwa indem wir wiederholt die gebeugten Beine zum Körper ziehen. Auf diese Weise sorgen wir dafür, dass keine ungute Anspannung im Rücken hängenbleibt.

Welche Ausgleichsübungen nach einem intensiv geübten Asana benötigt werden, ist individuell verschieden. In der Schulterbrücke kann es passieren, dass du eine starke Belastung der Knie empfindest und zum Ausgleich die Beine strecken und schütteln möchtest, oder dass dein Nacken die starke Beugung nicht gut verträgt und zum Ausgleich unbelastet bewegt werden muss. Für jemand anderen kann dagegen das Entspannen des unteren Rückens völlig ausreichend sein. Ein wichtiger Teil der Ausbildung von Yogalehrern hat damit zu tun, solche geschickten Reihenfolgen bei Asanas mit komplexen Anforderungen zu studieren und zu entwickeln. Mit ein wenig eigener Übungserfahrung kannst du aber auch selbst nach einer fordernden Haltung aufmerksam in dich hineinhorchen und dem Bedürfnis des Körpers nachgehen, das sich in diesem Moment zeigt.

Das Prinzip des Ausgleichs sollte auch auf das Verhältnis zwischen Alltagsaktivität und Yogapraxis angewandt werden. Nach jeder intensiven und in irgendeinem Sinn einseitigen Aktivität braucht der Körper-Geist eine Aktivität, welche sich dazu eignet, die einseitige Beanspruchung wieder auszugleichen.

Wenn wir also zum Beispiel den ganzen Tag am Schreibtisch sitzend verbringen, ist es sinnvoll morgens oder abends auf der Yogamatte Übungen im Stehen und im Liegen zu bevorzugen. Haben wir dagegen den Tag über viele Stunden mit Stehen und Gehen zugebracht, dann bietet es sich an, am Abend die Beine zu entlasten und Übungen im Liegen mit Umkehrhaltungen zu kombinieren, bei denen die Beine nach oben gestreckt sind. Nach Leistungssport oder schwerer körperlicher Arbeit ist es geschickt, den Körper hauptsächlich zu strecken, zu dehnen und zu entspannen (wie zum Beispiel im sogenannten Yin-Yoga, das von und für Kraftsportler entwickelt wurde). Ein Mensch, der seine Tage hautpsächlich mit geistiger Arbeit verbringt, tut jedoch gut daran, schwerpunktmäßig zu üben was Kraft fordert und Kraft entwickelt. Würde er stattdessen einen muskulär schwachen Körper auch noch regelmäßig ausschließlich dehnen, so ginge seine Schutzspannung verloren, und er müsste mit erhöhter Verletzungsgefahr rechnen.

Es entspricht unserer Erfahrung, dass das Leben immer wieder Ausgleich zwischen gegensätzlichen Aktivitäten und Situationen erfordert: Wenn wir lange wach sind, steigt der Schlafdruck; wenn wir lange allein waren, wächst der Wunsch, mit anderen in Kontakt zu sein; wenn wir weit gereist sind, freuen wir uns auf das vertraute Zuhause; wenn wir uns lange Zeit stark konzentriert haben, tut es gut, den Geist eine Weile müßig schweifen zu lassen. Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen.

Tiefes Wohlbefinden in Körper und Geist ist immer eine Frage des dynamischen Gleichgewichts. Aktivität und Ruhe, Kreativität und Routine, Klang und Stille, verschiedene Farben und Geschmacksrichtungen unserer Nahrungsmittel, Offenheit und Selbstfürsorge, Begeisterung und Gleichmut, Klarheit und Mitgefühl... Was stimmig ist, wo ein Zuviel und wo ein Zuwenig beginnt, ist nicht nur zwischen Individuen sondern auch zwischen unseren Lebensphasen ganz verschieden. Und wie auf der Yogamatte gilt es auch im Alltag, durch aufmerksames Hinspüren und die Weisheit der eigenen Erfahrung immer wieder eine Balance zu finden, die uns aufblühen lässt.