Yoga

Michaela Kleber

Yogalehrerin

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Yogapraxis aktuell

5. Mai 2022

Liebe Yoga-FreundInnen,

heute möchte ich euch besonders auf den zweiten Teil meiner Seminarreihe Yogapsychologie und Selbstfürsorgeaufmerksam machen. Im vergangenen Winter haben wir uns mit den eigenen Mustern und mit der Kunst der Veränderung von Gewohnheiten auseinandergesetzt. An den drei Freitagabenden im Mai, Juni und Juli geht es um unseren Umgang mit Stress. In meinen Vorträgen werde ich darlegen, wie die Sichtweise der Yogapsychologie und die Sichtweise der Neurobiologie zusammenpassen und welche Lehren wir aus beiden ziehen können. In kleinen Übungen werden wir die Möglichkeiten des Yoga erkunden, um durch Reflexion, Gewohnheitsänderung, Atemführung und Körperbewusstsein Stressreaktionen schneller aufzulösen bzw. gar nicht erst entstehen zu lassen. Und im Gespräch werden wir miteinander ausloten, welche individuellen kleinen Schritte machbar erscheinen, um aus Empfindungen von Getriebensein, Hetze und Überforderung herauszufinden.

Grundsätzlich könnt ihr jeden der drei Abende einzeln buchen oder alle drei zusammen. Wer alle drei Seminare gebucht hat, hat auch die Möglichkeit, eine Einzelstunde zum Sonderpreis zu nehmen, um individuelle Anliegen genauer zu klären. Alle Vorträge und Gespräche aus den Abendseminaren werden als Videos bzw. Audios zur Verfügung gestellt. Wer also an einem der Abende keine Zeit hat, kann sie anschließend nachhören. Die Teilnahme ist online und vor Ort in der Yogapraxis möglich. Die folgenden Veranstaltungshinweise enthalten die Themen der drei Abende. Der Text zum heutigen Thema ist als Inspiration für den ersten Abend gedacht.

Diese Freitagsseminare habe ich begonnen, weil mir immer klarer geworden ist, dass in den üblichen Kursformaten nur ein sehr kleiner Teil des Yogawissens vermittelt und erfahren werden kann. Ich freue mich sehr, dass einige Teilnehmer/innen aus den drei Veranstaltungen im Winter wieder dabei sind. Es lohnt sich, über diese alte Weisheit und ihren Nutzen für uns zu reflektieren. So sehr unsere Lebensweise sich in den vergangenen zweitausend Jahren verändert hat, so ähnlich sind doch die Funktionsweise unseres Geist-Körpers und unsere Reaktionen auf und Verwicklungen in der Welt geblieben, alle die Arten, wie wir uns selbst glücklich oder unglücklich machen.

Veranstaltungshinweise

Information und Anmeldung (eineln oder alle drei Seminare) hier

Thema

Entschleunigung

„Sind Sie gestreßt? Sind Sie so sehr auf die Zukunft ausgerichtet, dass die Gegenwart nur noch ein Vehikel ist, um dorthin zu gelangen? Streß wird dadurch verursacht, daß wir „hier“ sind, aber „dort“ sein wollen, oder daß wir uns in der Gegenwart befinden aber in der Zukunft sein möchten. Das ist eine Spaltung, die uns innerlich zerreißt. Eine solche innere Spaltung zu erzeugen und damit zu leben, das ist der reine Wahnsinn. Die Tatsache, daß alle Leute das so machen, macht es nicht weniger wahnsinnig.“

(Eckhardt Tolle)

Man könnte die Geschichte der Menschheit gut unter dem Aspekt der Beschleunigung erzählen: Unsere Fortbewegungsmittel sind vom Gehen bis zum Fliegen mit dem Überschallflugzeug immer schneller geworden. Wir haben gelernt, immer effizienter zu arbeiten und immer mehr in derselben Zeitspanne zu erledigen. Um 500 vor Christus waren in Griechenland trainierte Läufer, die gewaltige Strecken in kurzer Zeit zurücklegen konnte, die schnellste Möglichkeit, um Informationen zu transportieren. Heute reisen Informationen in Sekundenbruchteilen digital um die Welt. Selbst unsere Sehgewohnheiten beschleunigen sich von Generation zu Generation. Während die meisten Älteren Action-Szenen für die Augen als unangenehm empfinden, ist dieses Tempo der visuellen Wahrnehmung für viele Jüngere ganz normal.

Heute hetzen viele von uns in ihrer wachen Zeit durch Tage, die vollgestopft sind mit Terminen, Aufgaben, Projekten, Unternehmungen, Pflichten, Routinen und Vergnügungen. Dabei sind die Sinne einem Trommelfeuer von visuellen und auditiven Eindrücken ausgesetzt. (Was die olfaktorischen Eindrücke betrifft, könnte das Leben im Mittelalter anstrengender gewesen sein!) Und obwohl die meisten von uns die damit einhergehende Überforderung gerne der Arbeitswelt anlasten, kann man doch beobachten, dass unser Freizeitverhalten von ganz ähnlicher Hektik geprägt ist. Vor einigen Jahren schlug ich in einem Seminar zum Umgang mit Stress vor, einmal einen Wochenendtag von Terminen frei zu halten und einfach „nichts vor zu haben“. Die Reaktionen darauf waren eindeutig abwehrend.

Schon unsere Sprache ist entlarvend: Wie oft verwenden wir das Wort schnell? Ich schaue nur noch schnell in meine Mails. Kannst du schnell noch ein bisschen was einkaufen? Wann brauchst du das? Am liebsten schon gestern. Beeile dich, ich habe nicht ewig Zeit. Trödle nicht so beim Essen! Warum dauert das so lange? Wo hängt’s? Wie oft benutzen wir solche und ähnliche Wendungen und warum haben wir es oft so eilig? Es lohnt sich, sich selbst und anderen achtsam zuzuhören und immer wieder, wenn Eile aufkommt, zu fragen, warum sie nötig ist. Sehr oft werden wir bemerken, dass es keine guten Gründe dafür gibt, dass wir vielmehr – wie das Zitat von Eckhardt Tolle beschreibt – einfach nur schneller in die Zukunft wollten oder dass wir Notwendiges so lange weggeschoben und vertagt haben, bis wir nicht mehr genug Zeit hatten, um es in Ruhe zu tun. Und vielleicht hat es auch damit zu tun, dass Schnelligkeit und Effizienz zu selbstständigen Werten geworden sind, etwas fraglos Gutes, worauf wir auch stolz sind?

In manchen Situationen hat Schnelligkeit ohne Zweifel einen großen Wert, zum Beispiel bei der Ersten Hilfe oder in der Chirurgie, oder wenn es darum geht, wie wir im Straßenverkehr oder in der maschinellen Produktion auf eine Gefahrensituation reagieren, im sportlichen Wettkampf oder auch einfach nur, wenn es uns gerade wichtig ist, den Bus noch zu erreichen. Wenn wir unser Leben entschleunigen wollen, müssen wir aber zuerst einmal verstehen, dass Geschwindigkeit nicht als solche einen Wert hat, sondern nur in Abhängigkeit von der Situation. Wir müssen lernen, uns in der Langsamkeit überhaupt wieder gut zu fühlen. Denn auch die Langsamkeit hat ihren Wert, zum Beispiel wenn es um darum geht, eine Aufgabe besonders sorgfältig auszuführen, oder etwas Neues Schritt für Schritt zu verstehen und einsinken zu lassen, oder im Gespräch erst innezuhalten, bevor man etwas Unbedachtes sagt, oder die Achtsamkeit zu entwickeln, die nötig ist, um den eigenen Mustern auf die Spur zu kommen, oder einfach nur, um einen Moment mit allen Sinnen zu genießen. Und zur Langsamkeit gehört auch die Geduld, die wir brauchen, um Körper und Geist Zeit zur Erholung zu geben, um einen Genesungsprozess abzuwarten, oder einem Lebewesen (oder uns selbst) beim Lernen, Wachsen und Gedeihen zuzusehen.

Wenn wir merken, dass das gelebte Tempo uns nicht guttut und uns – gegen die derzeit herrschenden Konventionen – danach sehnen, langsamer sein zu dürfen, führt kein Weg daran vorbei, auf irgendeine Aktivität zu verzichten. Und das wirft die Frage auf, wovon wir in unserem Leben weniger tun könnten, ohne dass wir das am Ende allzu sehr bedauern würden. Nur dreimal am Tag statt dreimal in der Stunde die Nachrichten checken? Weniger Verabredungen treffen? Weniger fernsehen? Weniger arbeiten? Weniger kaufen? Weniger Wohnfläche haben? Im Haushalt weniger perfektionistisch sein? Es kann spannend sein, Veränderungen auszuprobieren und achtsam zu prüfen, ob sich das richtig anfühlt. Denn die Antwort darauf, wie Entschleunigung aussehen könnte, so dass das Leben sich tatsächlich weniger voll und dafür erfüllter anfühlt, kann nur jede(r) selbst geben.