Der Yoga des Handelns Yoga oder die Kunst im Augenblick zu leben Weiterführende Literatur

Der Yoga des Handelns

Oder: Wie man bei der Arbeit die gute Laune behält

von Michaela Kleber

„Wie kann ich das machen“, hat mich vor ein paar Jahren eine Mitarbeiterin gefragt, „dass das tiefe Wohlgefühl, das ich nach meinem Tai Chi-Kurs immer empfinde, nicht im Lauf des nächsten Arbeitstages beim ersten Konflikt oder der ersten Anstrengung wieder vollständig verloren geht?“ Die Frage betraf mich persönlich und hatte mich schon eine ganze Zeit lang beschäftigt.

Seit mehr als neun Jahren bin ich im Hauptberuf Geschäftsführerin des pro familia Ortsverbands München e.V. und daneben freiberufliche Yogalehrerin. Beide Arbeitsbereiche könnten kaum gegensätzlicher sein. Als Geschäftsführerin arbeite ich mit chronisch zu knappen Ressourcen: Weder die Finanzierung noch die Arbeitszeit der Geschäftsführung selbst sind ausreichend, um sich jedes Problems in angemessener Zeit anzunehmen. Da liegt es in der Natur der Sache, dass oft Eile geboten ist und dass es immer wieder zu Rückschlägen und Konflikten kommt. Ganz anders im Yogaunterricht: In der Regel sind alle TeilnehmerInnen glücklich und zufrieden. Die Atmosphäre ist wach, ruhig und entspannt. Und da ich diese Wachheit, Ruhe und Entspannung meinen SchülerInnen über Stimme und Bewegungen nahe bringen muss, fühle ich mich auch noch nach zwei 90 Minuten-Kursen am Ende eines Bürotages innerlich wohl und ausgeglichen. Es liegt also nahe, das Verhältnis zwischen beiden Arbeitsbereichen so zu beschreiben, als ob ich mich beim Yoga-Unterrichten und noch viel mehr beim Yoga-Üben von der Managementarbeit erhole.

Doch wenn man – wie das sicher sehr viele Yoga-Praktizierende tun – Yoga ausschließlich als Reparaturmethode für all die ungesunde Anspannung und Erschöpfung betrachtet, die sich im Lauf der Arbeitswoche ansammelt, hat man das Potenzial dieses Übungsweges nicht annähernd ausgeschöpft. Vielmehr geht es darum, eine innere Haltung einzuüben, die dann nach einiger Zeit beginnt, in den Alltag einzusickern, eine Haltung, die es erlaubt, mitten in fordernden oder konfliktreichen Situationen ohne Anstrengung jederzeit einen Zustand von ruhiger Wachheit und Freude wiederzufinden. Soweit ich das beurteilen kann, gilt dies für viele Übungswege vom Kampfsport bis hin zur Meditation. Insofern sind die folgenden Prinzipien sicherlich auch aus anderen Übungswegen heraus verständlich. Und wenn ich von Arbeit spreche, so meine ich auch jedes andere Handeln und Wirken in der Welt, den Umgang mit Partnern, Kindern oder Freunden, das politische Handeln, ja sogar die Hausarbeit.

Welche innere Haltung ist hier gemeint? Sehr kurz zusammengefasst kann man sagen: Arbeite (oder handle) mit ganzem Einsatz und aus ganzem Herzen und mache dich nicht vom Erfolg deines Handelns abhängig.

Mit ganzem Einsatz arbeiten

Im Yoga steht am Beginn einer Übungssequenz immer die Sammlung: Man richtet die ganze Aufmerksamkeit nach innen, geht ins Spüren und Wahrnehmen und konzentriert sich vollständig auf die Bewegungsabläufe und den Atem. Das berühmte Yoga Sutra des Patanjali beginnt mit den Worten atha yoganusasanam – hier nun die Einführung in die Erfahrung des Yoga. Atha, das Wort für hier und jetzt bringt dabei den Wunsch zum Ausdruck, dass die Aufgabe, die man sich vorgenommen hat, gut beginnen und erfolgreich beendet werden möge. Ganzer Einsatz beim Arbeiten bedeutet, immer wieder alle Sinne bei dem zu versammeln, was als Nächstes zu tun oder zu bedenken ist. Dabei geht es in erster Linie darum, Zerstreutheit zu vermeiden: unter vielen konkurrierenden Aufgaben Prioritäten zu setzen; nach einer Ablenkung zu dem zurückzukehren, was man zuvor begonnen hat; im Gespräch zuzuhören, ohne die eigene Antwort schon zu planen, und eine Aufgabe abzuschließen, bevor man sich der nächsten zuwendet.

Aus ganzem Herzen handeln

Aus ganzem Herzen handle ich, wenn ich tun will, was ich gerade tue, wenn ich innerlich im Frieden bin mit der Rolle, die ich im Kontext meines Handelns spiele. Nur dann ist es möglich, mit dem ganzen Wesen bei der Arbeit sein, keine Kraft darauf verschwenden mit der Aufgabe oder einzelnen Teilen davon zu hadern, und das, was getan werden muss, nicht nur kompetent sondern auch liebevoll tun. Dass das Herz dabei ist, ist einerseits die größte Chance, aus einem Arbeitstag oder einem Projekt als ganzer Mensch gestärkt hervorzugehen. Gleichzeitig liegt darin die Gefahr, sich von der Arbeit erschöpfen und auszehren zu lassen. Im Yoga findet man Hinweise, wie das vermieden werden kann.

Unnötige Anspannung vermeiden

Mit ganzem Einsatz zu arbeiten heißt nicht, alle Ressourcen zu verausgaben. Dadurch würde man unnötig schnell ermüden und könnte kaum über längere Zeit hinweg beständig und produktiv bei einer Sache bleiben.

Viele kraftvolle Yogapositionen sind für Anfänger auch deshalb sehr anstrengend, weil sie unbewusst sofort den ganzen Körper anspannen, besonders dann, wenn die Muskulatur nicht sehr kräftig ist. Nach und nach lernt man im Yoga, Muskeln oder Muskelgruppen voneinander zu trennen und nur diejenigen einzusetzen, die für das Halten einer Position tatsächlich erforderlich sind. Und schließlich sorgen Mikrobewegungen dafür, dass selbst bei längerem Halten keine Verkrampfung entsteht. Der Grundsatz, unnötige Anspannung zu vermeiden, lässt sich auf die körperlichen Anforderungen der Arbeit eins zu eins übertragen: Es gilt, die Wahrnehmung des eigenen Körpers während der Arbeit zu verbessern, um allmählich schlechte Bewegungs- und Haltungsgewohnheiten durch elegante und physiologisch effizientere zu ersetzen.

Schwieriger ist es, die unterschwellige geistige und emotionale Anspannung wahrzunehmen, die im Arbeitsalltag leicht entsteht und das subjektive Wohlbefinden ebenso beeinträchtigen kann wie die Qualität der Arbeit. Diese unnötige Anspannung hat ihre Quelle immer zumindest auch darin, dass man Selbstwertgefühl und Wohlbefinden in erster Linie vom Erfolg des eigenen Handelns abhängig macht. Je nach der Art der Arbeit bewertet man selbst das Ergebnis als gut oder schlecht und/oder bekommt eine solche Bewertung von außen gespiegelt in Form von finanziellem Erfolg, Lob und Aufmerksamkeit oder Tadel von Kollegen und Vorgesetzten, Beschwerden oder Dank von Kunden, etc. Eine starke Identifikation mit den eigenen Erfolgen und Misserfolgen führt zu einer ständigen mehr oder weniger subtilen Angst vor dem Scheitern oder Hoffnung auf den Erfolg, was letztlich dasselbe ist.

Scheitern lernen

Dahinter steht ein grundsätzliches Missverständnis, eine Art Allmachtsfantasie: Wer sie teilt, tut so, als wäre er oder sie ganz alleine und unabhängig vom Rest der Welt für Erfolg oder Misserfolg verantwortlich, und verkennt dabei, dass jedes Ereignis im Leben von unzähligen, miteinander verketteten Faktoren abhängt. Ob es mir zum Beispiel gelingt, für ein bestimmtes Projekt der pro familia einen Sponsor zu gewinnen, hängt nicht nur von meinem Kommunikationsgeschick und der Qualität meiner Projektbeschreibung ab, sondern auch von den Beziehungen, die ich dazu nutzen kann, von der inneren Großzügigkeit der potenziellen Sponsoren, von ihrem persönlichen Bezug zum Projektthema, dem Umfang der zur Verfügung stehenden Mittel und nicht zuletzt davon, ob der Zeitpunkt meiner Anfrage zufällig eher günstig oder ungünstig war. Ob in der Arbeit, in der Kindererziehung, beim Kochen, Musizieren, im Sport oder im Yoga: Kein noch so lückenloser Perfektionismus wird uns davor bewahren, dass auch die besten Bemühungen immer wieder einmal scheitern.

Wer das einmal erkannt hat, wird sich über Erfolge immer noch freuen, wird sie aber nicht mehr so hemmungslos als die eigenen vereinnahmen und den eigenen Stolz damit nähren wollen. Umgekehrt lockert sich die Angst vor dem Misserfolg: Ein Stück der beschriebenen unterschwelligen Anspannung fällt von einem ab, und man kann auch im Scheitern eine gewisse innere Leichtigkeit und Grazie entwickeln.

Eine besonders beliebte Spielart der inneren Abhängigkeit vom Erfolg des Handelns ist der Wunsch nach Harmonie: Wenn es Konflikte gibt, geht die innere Ruhe bei der Arbeit am schnellsten verloren. Und doch gibt es selten wirklich Grund, einen Konflikt persönlich zu nehmen. Manchmal hat die Auseinandersetzung einen strukturellen Grund und ist ein notwendiger Teil der Arbeit oder der Beziehung: Wenn etwa jedes Gespräch zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat ausschließlich harmonisch verliefe, könnte man zweifeln, ob beide Seiten ihre Aufgabe richtig verstanden haben. Wenn ein Gremium in keiner Sitzung jemals eine inhaltliche Meinungsverschiedenheit zu bearbeiten hat, ist es vielleicht auch niemals wirklich kreativ. Manchmal ergibt sich ein Konflikt einfach nur daraus, dass man etwas nicht gut gemacht hat, und erledigt sich dadurch, dass man das zugibt. Und auch dann, wenn in einem Konflikt einer der Beteiligten mit scheinbar grundloser Aggressivität (re-)agiert, kann man getrost davon ausgehen, dass viele Umstände dazu beigetragen haben, von denen man wahrscheinlich die meisten gar nicht kennt und auch nicht zu vertreten hat.

Berührbar bleiben

Im Yoga ist nicht jede Erfahrung angenehm: Beim Üben kommt man immer wieder an die Grenzen der eigenen Kraft oder Beweglichkeit und ist mit den Missempfindungen konfrontiert, die an diesen Grenzen durch Dehnen und Halten entstehen. Mit der Zeit entwickelt man damit Geduld und Ausdauer und ist nicht mehr frustriert, wenn man nicht sofort zu den angenehmen Erlebnissen vorstoßen kann. Man lernt, eine fordernde Position eine Weile zu halten und sich mitten in diese Situation hinein zu entspannen. Da ist immer noch eine unangenehme Empfindung, aber gleichzeitig sind da auch Ruhe und ein gewisser Humor. Ein Ziel im Yoga des Handelns könnte sein, diesen Gleichmut von der Yogamatte auf die Welt der (Arbeits-)Beziehungen oder von der Muskel- und Atemarbeit auf die Arbeit des Herzens zu übertragen. Gelingt mir das, so kann ich es mir mehr und mehr leisten, von Misserfolgen und Konflikten (oder irgendwelche anderen leidvollen Erfahrungen) berührt zu werden, ohne dass dadurch mein inneres Gleichgewicht verloren geht. Anstatt gleichgültiger zu werden, nehme ich Freude und Schmerz bei mir selbst und anderen eher intensiver wahr, aber ich bin sicherlich nicht mehr so oft frustriert.

Den Beobachtergeist kultivieren

Ohne ein gewisses Maß an Selbsterkenntnis wird das nicht gehen. Zu subtil sind die Wege auf denen sich Zerstreutheit, innere Anspannung oder Klammern am Ergebnis immer wieder einschleichen. Im Yoga wird hier an eine geistige Qualität erinnert, zu der jeder Mensch Zugang hat, den inneren Beobachter. Das ist nicht dieses innere Kommentieren und Bewerten, das viele Menschen kennen, kein Nörgler im Kopf, der erbarmungslos jeden kleinen Fehler in einen Selbstvorwurf verwandelt. Im Gegenteil: Der Beobachtergeist ist klares Sehen ohne Bewertung, ein reines Bewusstsein dessen, was gerade geschieht. Den Beobachtergeist zu kultivieren heißt, sich selbst nichts vorzumachen, es heißt aber auch, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und Mitgefühl und eine große Freundlichkeit gegenüber sich selbst zu entwickeln.

All dies geht im Gedränge des Alltags leicht verloren und man muss sich immer und immer wieder daran erinnern. Da ist es hilfreich, bestimmte wiederkehrende Alltagsereignisse zur Erinnerung zu nutzen. So gibt es zum Beispiel in Plum Village, einer buddhistischen Gemeinde des vietnamesischen Lehrers Thich Nhat Hanh in Südfrankreich die Übung, jedes Mal wenn das Telefon läutet drei ruhige, bewusste Atemzüge zu nehmen, bevor man den Hörer abnimmt. Von dem bekannten Yogalehrer T.K.V. Desikachar stammt der Rat, eigene Gewohnheiten wie Kaffeetrinken oder Rauchen oder bestimmte wiederkehrende Wege zu nutzen, um immer wieder für eine kurze Spanne vollkommen achtsam zu sein. Auch den Computer mit seinen Passwörtern, Bildschirmschonern und Erinnerungsfunktionen im Terminkalender kann man sich kreativ zunutze machen, um den inneren Faden nicht zu verlieren.

Ist der Yoga des Handelns unpolitisch?

Auf dem Buchmarkt wimmelt es seit Jahren von Werken, die uns Techniken der „Selbstverbesserung“ nahe legen. Fast könnte man glauben, Probleme wie Arbeitslosigkeit oder Burn-Out seien ausschließlich individuell bedingt und hätten ihre Ursachen nicht in den gesellschaftlichen Verhältnissen. Ein Yoga des Handelns könnte leicht in dieser Richtung missverstanden werden.

Hier aber geht es gerade darum, Konzentration, Ruhe und Kraft von der Yogamatte in das tägliche, auch das politische Handeln mitzunehmen und so gleichzeitig entschlossener und wirkungsvoller, aber auch gelassener und liebevoller zu handeln. Gerade da, wo wir etwas bewirken und verändern wollen, wo es etwas zu erkämpfen gilt, brauchen wir eine gute innere Haltung: Tun, was getan werden muss, mit ganzem Einsatz und aus ganzem Herzen, doch ohne unnötige Anspannung und Aggressivität und ohne uns allzu sehr vom Ergebnis abhängig zu machen.